Karl Irsigler und Fritz Neuhauser (Wien):

Internationales Päonien-Symposium im Botanischen Garten München

7. – 8. Mai 2005

organisiert von der Fachgruppe Paeonien der Gesellschaft der Staudenfreunde e.V. und dem Botansichen Garten München


7. Mai 05: Evolution und Taxonomie der Päonien.

Begrüßung durch die Direktorin des Botanischen Gartens München Frau Prof. Renner, die den Hörsaal und die Ausstellungshalle sowie die Hilfe Ihrer Mitarbeiter großzügig zur Verfügung stellte. Danach Begrüßung durch Carsten Burkhardt, Leiter der Fachgruppe Päonien der Gesellschaft der Staudenfreunde e.V.


Vortrag 1: Prof. Hong Deyuan, Peking, China ( Akademie der Wissenschaften, Institut für Botanik, Peking)

Evolution and Taxonomy of the Caucasian and Mediterranean herbaceous Peonies. (Entwicklung und Taxonomie der kaukasischen und mediterranen Stauden- Paeonien.)

Prof.Hong, der die ganze Welt bereist hat, sowohl im Auftrag der chinesischen Akademie der Wissenschaften, als auch unterstützt von der National Geographic Society und anderen Sponsoren berichtet über die taxonomische Einteilung der auf der Welt bekannten Species. Bemerkenswert ist, dass die Sektion Mudan in China endemisch ist (8 Spezies); die beiden Spezies der Sektion Onaepia sind in den USA und Nordmexiko beheimatet und die 22 Arten der Sektion Paeonia sind im Mittelmeergebiet und Nordafrika zu finden. Der weitere Vortrag konzentriert sich auf die Päonien in der Kaukasusregion und im Mittelmeergebiet. Prof.Hong zeigt, dass die bisherigen Standards der Einteilung fragwürdig geworden sind, denn man hat z.B. nur oberste Blätter zum Vergleich bzw. zur Bestimmung des Verwandtschaftsverhältnisses herangezogen, viel wichtiger sind aber die unterirdischen Organe der Stauden, also die Wurzelanatomie. So galten bisher vor allem die Farbe der Filamente, die Blätterdifferenzierung, die Farbe oder Behaarung der Fruchtknoten als Unterscheidungsmerkmale. Diese Kriterien sind aber auch bei einzelnen Spezies in sehr verschiedener Ausprägung gegeben, wie sich sehr schön am Beispiel der P. mlokosewitschii zeigen lässt. An einem Standort sind oft bei dieser Spezies gelbe, weiße und rote Blüten zu finden. Von der Kaukasusregion werden vor allem die P. tenuifolia und die P.daurica bzw. die bisher als einzelne Arten, nun aber als Paeonia-daurica-Unterarten angesehenen Subspecies wittmanniana, tomentosa, macrophylla, mlokosewitschii, coriifolia etc. abgehandelt. Von den mediterranen P. in Korsika, in Sardinien und in Griechenland ausgehend bewegt er sich in seinem Vortrag dann über die Türkei nach dem Libanon. Eine neue Spezies wurde von Prof. Hong vorgestellt, die P. saueri (Herr Prof. Sauer, ein emeritierter Naturwissenschaftler aus Tübingen war mit seiner Gattin im Auditorium anwesend.)

Eine 3-bändige Enzyklopädie über Paeonien ist schon weitgehend fertiggestellt bzw. in Fertigstellung. Band 1: Taxonomie, Band 2: Evolution der P., Band 3: Bildmaterial. (Mit den neuen Erkenntnissen von Prof. Hong wird sich ein ausführlicherer Artikel befassen).


Vortrag 2: Donald Smith, West Newton, Mass. USA, :

The Impact of modern Science on the Classification of the Genus Peonia. (Die Auswirkungen moderner Wissenschaft auf die Klassifikation des Genus Paeonia.)

Don Smith beschäftigt sich seit 15 Jahren mit der Hybridisierung von Strauch- mit Stauden-P. (intersektionelle Hybriden) und trägt über die Taxonomie der P. vor. Er gibt in seinem Vortrag einen hoch interessanten, tiefen Einblick in die evolutionäre Geschichte einer Pflanze, die etwa 25 Mill. Jahre für die Entwicklung der jetzt vorhandenen Spezies gebraucht hat. Diese Entwicklung ist in Wellen entsprechend geänderten Klima- und Umweltbedingungen verlaufen. Don Smith stellte die Ergebnisse der Forschungsarbeiten von Prof. Tao Sang vor, der vor seiner Auswanderung in die USA Student von Prof. Hong Deyuan war. Sang nimmt an, dass die von Asien aus sich über den gesamten eurasischen Kontinent ausgebreiteten diploiden Eltern-Arten durch die eiszeitlichen Klima-Veräderungen im europäischen Gebiet dann ausgestorben sind und die aus ihnen entstandenen hybriden Arten besser angepasst an die neuen Bedingungen überlebt haben, weshalb das Mittelmeergebiet eine besondere Ausprägung von tetraploiden Stauden- Päonien zeigt. Die Stammformen waren offenbar verholzende Arten, aus denen sich dann die nicht verholzenden Stauden- P. entwickelt haben. Aufgrund der bisher durchgeführten DNA-Analysen schließt Sang, dass in der Sektion Paeonia nur 4 Spezies nicht aus natürlicher Hybridisation hervorgegangen sind, nämlich Tenuifolia, Anomala, Veitchii und Lactiflora. Bisher wurden 25 Spezies DNA-analysiert. Beeindruckend war die Zeitskala. Es lassen sich gewisse zeitliche Zuordnungen zu Entwicklungen im Verlauf der Millionen Jahre der Hybridisation herstellen, da man die genetischen Codes durch die DNA- Bestimmungen festlegen konnte. Offensichtlich sind auch manche Arten ausgestorben, aber ihr genetisches Material ist in den nachkommenden Spezies weiter zu finden. Die P. tenuifolia ist eine der aller ältesten Stammformen und im Verlauf der langen Entwicklung ist es zu einer immer geringeren Segmentierung der Blätter, ausgehend von der stark segmentierten Tenuifolia über die Anomala und Veitchii bis zur Lactiflora, gekommen.

Der Vortrag ist auch online zu finden: www.paeonianewsletter.com oder www.yellowpeoniesandmore.com


Vortrag 3: Dipl. Geogr. Pavle Cikovac, Serbien & Montenegro:

Distribution and ecology of Paeonia daurica Andrews in the Dinaric alps.

In einer ausgezeichnet animierten Präsentation mit modernster Überblendtechnik zeigte Herr Cikovac aus dem Orjen Gebirge an der Adriaküste in Serbien & Montenegro mit sehr hohen Niederschlagsmengen (6000 mm/Jahr, die höchste in Europa) die dortigen Päonienstandorte bzw. neu gefundene Standorte einer P. daurica Andrews, die in diesem Gebiet nicht zu vermuten war. Des weiteren informierte Herr Cikovac über die Ökologie und syntaxonomische Einbindung der Päonien in Karst Blockhalden Tannenwäldern, in denen zahlreiche seltene endemische Arten heimisch sind (Griechischer Bergahorn, Dalmatinische Schwertlilie, Baumhaselnuss). Zum Schluss verwies Herr Cikovac auf die bisher fehlende Abgrenzung zwischen Daurica und Mascula in der Balkanregion. Offensichtlich haben die dortigen Botaniker die Existenz von Daurica ignoriert, was auch Gian Lupo Osti in seinem Vortrag bestätigen konnte, in dem eine Aufnahme von Daurica aus Griechenland gezeigt wurde. Herr Cikovac stellte die Vermutung an, daß wohl bald zu den 5 Subspezies von Paeonia daurica noch weitere auf dem Balkan und in der Türkei hinzukommen werden.


Eröffnung der 3. Deutschen Päonienausstellung ab 14 Uhr:

Am Nachmittag Besichtigung der Ausstellung, die sehr gut beschickt war mit aufgeblühten Exemplaren von verschiedenen Standorten, darunter auch Exemplare aus Wien von der Schönbrunner Gartenbauschule mit den legendären Camillo Schneider Paeonien und vom oberen Belvedere, dem Alpengarten des botanischen Universitätsinstituts . Außerdem interessante Angebote von verschiedenen P.- Züchtern und –Händlern. (Über die Ergebnisse der Ausstellung wird gesondert berichtet).

Abschließend eine Führung durch den botanischen Garten, der allen Lesern, die ihn noch nicht besucht haben, dringendst nahegelegt wird wegen seiner ausführlichen Anlage mit nahezu 20.000 Pflanzengattungen und wegen der besonderen Schönheit der Anlagen. Die Wildformen der P. waren in Blüte, der große Bestand vor allem an chinesischen Cultivaren aber noch im Knospenstadium. Herr Dr. Groeger vom Botansichen Garten gab in der Führung sehr interessante Einblicke.


Am Abend Vortrag von Isbert Preussler, St.Ilgen: „Meine Erfahrungen mit Staudenpfingstrosen“

Herr Preussler war viele Jahre Gärtner in der Gärtnerei der Gräfin von Zeppelin. Er ist der bekannte Züchter des Sortiments von Türkenmohn in dieser Staudengärtnerei. Mit den Päonien verbinden ihn eine besondere Vorliebe und langjährige Erfahrungen. Nach einer allgemeinen Einleitung, die seine Erfahrung und Vorlieben für einzelne Sorten zeigte, hat Herr Preussler dann mit wunderschönen Bildern seine Lieblingssorten und deren Entstehung illustriert. Beeindruckend waren seine Vermehrungsversuche aus Wurzeln bzw. Wurzelschnittlingen. Von besonderem Interesse waren die Ausführungen über die Wurzeln der P. in ihrer Vielgestaltigkeit, in ihrer sortenspezifischen Ausprägung und auch in ihrer Möglichkeit zur Vermehrung der Pflanzen. Von den wunderschönen Fotos waren jene von sehr alten Sorten besonders beeindruckend. Er ging damit zurück auf Züchtungen, die in der Mitte des 19. Jh. entstanden sind.

Am Abend gemütliches Beisammensein.


8. Mai 2005: Ziele und Ergebnisse der Päonienzüchtung im 21. Jahrhundert.

Vortrag 1: Gian Lupo Osti, Rom, Italien.

Herr Osti stellte sein neues Buch über die mediterranen P. vor ( Il libro delle Peonie mediterranee, englische Edition : The book of mediterranean Peonies) und zeigte dann in eindrucksvollen Bildern einzelne Standorte aus dem ganzen Mittelmeergebiet, die er persönlich aufgesucht hat mit ebenso eindrucksvollen Details der dort gefundenen Päonien. Die die Vorträge des Vortages bestätigende Botschaft von Gian LupoOsti war: wenn man Populationen an Wildstandorten besichtigt, sieht man innerhalb einer Spezies eine große Variationsbreite, wie mit Bildern sehr schön klar gelegt werden konnte. Sehr schön hat Herr Osti die Rolle des Amateurs in der Botanik beschrieben, wie überhaupt in der Wissenschaft. Der Amateur hat Zeit und bringt für das Fach eine besondere Liebe auf. Nur so konnte Herr Osti im Laufe von vielen Jahren Populationen von P. in vielen Teilen der Welt, sowohl in China als auch in Europa, aufsuchen und über den Naturstandort viele prägende Faktoren und Merkmale erfassen und beschreiben. Er kann auch seine besondere Liebe zu den P. auf das Publikum übertragen.


Vortrag 2: Donald Smith USA:

Intersektionelle Hybriden (A Tour through the wonderful World of Intersectional Peonies)

Seit 15 Jahren beschäftigt sich Don Smith mit der Züchtung von neuen intersektionellen Hybriden. Besonderes Anliegen war ihm dabei, nicht nur gelbe, neue Hybriden zu finden, sondern auch solche mit anderen Farbschattierungen, wobei rosa, rot, picotee sein Ziel war und ist wie auch die Züchtung von einfachen, halb gefüllten und gefüllten intersektionellen P.

In den letzten 5 – 7 Jahren war ihm einiger Erfolg beschieden, er zeigt solche Hybriden, die teils schon Namen erhalten haben, andere noch mit Züchtungsnummern, die aber eine interessante Zukunft erwarten lassen.

Interessant ist die Tatsache, dass die Natur ja auch selbst solche infertile Ergebnisse von Hybridisierungen erzeugt bzw. solche auch in der Landwirtschaft verwendet werden (kernlose Orangen oder Kürbisse oder Weintrauben, auch Bananen). Es handelt sich hier um triploide Hybridisierungsergebnisse, die alle infertil sind, aber gelegentlich im Laufe der Erdgeschichte durch Mutationen entstanden. Obwohl bisher keine Chromosomen- Untersuchungen bei den intersektionellen Hybriden vorgenommen wurden, vermutet Don Smith, daß sie auch triploid sind.


Vortrag 3: Prof. Cheng Fangyun, Peking (College of Landscape and Architecture, Beijing Forestry University)

Paeonia rockii Hybrids.

In seinem Vortrag stellte Prof. Cheng sein neues Buch vor:" Chinese Flare Mudan (Paeonia rockii Hybriden)". Voraussichtlich wird dieses Buch ins Englische übersetzt, es kann aber auch jetzt schon mit Kurztiteln in englisch zu den wunderschönen Abbildungen bestellt werden, Sammelbestellung möglich bei der Fachgruppe Päonien.) Mit hervorragenden Fotos illustriert er die besondere Reichhaltigkeit der Hybriden von Paeonia rockii, die schon durch lange Zeiträume in China kultiviert wird, wofür er auch sehr interessante historische Belege bringt. Die medizinische Nutzung der Rockii-P. lässt sich zurückverfolgen bis auf das Jahr 220 v.Ch. mit der Darstellung einer Rezeptur, die erst vor wenigen Jahren gefunden wurde.

Der Redner weist auch auf die Verwendung von P. in der Landschaftsgestaltung hin sowohl durch Blüten als auch durch Laub und auf die besondere Attraktivität der Herbstfärbung der großen Rockii-exemplare.


Vortrag 4: Dr. Gao Zhiming, Peking (Flower Research and Development Centre, Chinese Academy of Forestry)

Der Redner, Generalsekretär der Chinese Peony Association, stellt die chinesische Päoniengesellschaft vor, von der die drei Vorsitzenden alle im Auditorium anwesend waren und durch Akklamation durch das Publikum begrüßt wurden.

Der Redner präsentiert auch die derzeit in Angriff genommenen wirtschaftlichen Strategien zur Erhöhung, Ökonomisierung und Verbesserung der Päonienproduktion.

Sehr gute bebilderte Präsentation über die Schulung und Vermehrung und Verwendung von P. in China. Interessant ist die Hinwendung nunmehr auch zu einfach blühenden und nicht nur zu gefüllten Paeonien in China, wobei die Methoden der Vermehrung intensiviert wurden, sowohl auf Basis von Veredlung als auch auf Basis Gewebskultur. Bezüglich der Fortpflanzung gibt er den Hinweis, dass Samen vor dem Aufspringen der Fruchtkapsel eine höhere Keimungsrate erzielen, als wenn sie erst nach Aufspringen der Fruchtkapsel ausgesät werden.

In China hat auch die Beschleunigung bzw. die Verzögerung der Blühperiode große Bedeutung wegen zweier wichtiger Feiertage: Frühlingsfest und Maifeiertag.


Schlusswort von Carsten Burkhardt mit einer kurzen bildhaften Illustration seiner vorigjährigen Chinareise. Vorstellung seiner Website (www.paeon.de) und deren enorm vielseitiger Verwendungsmöglichkeit bis hin zur Auffindung von wissenschaftlicher Literatur. Appell an das Publikum zur Mitarbeit bzw. zur Mitarbeit an dieser Website. Ausblick 2006: Ankündigung einer Chinareise für das Jahr 2006 unter der bewährten Leitung durch Paige Woodward aus Kanada, mit möglicher Beteiligung auch bei frühzeitiger Anmeldung unter www.hillkeep.ca. Dank an das botanische Institut in München, besonders an Dr. Gröger, Herrn Haas, Herrn Feiersinger und viele andere, die bei der Organisation behilflich waren.


Karl Irsigler und Fritz Neuhauser (Wien)


Bilder:


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DSC05346.psd Gian Lupo Osti referiert


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DSC05356.psd Donal Smith


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DSC05292.jpg: Auf der Paeonien-Ausstellung: Horst Bäuerlein im Beratungsgespräch


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DSC05288.jpg Auf der Paeonien-Ausstellung: Stephan Tetzlaff bei der Kundenberatung


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DSC05330.jpg Pavle Cikovac, Prof. Hong Deyuan und Prof. Cheng Fangyun diskutieren über Wildarten


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DSC05306.jpg Angeregte Diskussionen auf der Ausstellung


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DSC05322.jpg: Beim Rundgang durch den Botansichen Garten: Dr. Groeger, Prof. Hong Deyuan und Irmtraud Rieck diskutieren über Paeonia daurica


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DSC05365.jpg : Die chinesische Delegation unter Leitung von Prof. Cheng Fangyun (oben rechts) und Prof. Wang Lianying (unten Mitte), sowie Donald Smith (oben Mitte links) und Fachgruppenleiter Dr. Carsten Burkhardt (oben Mitte links)