Dr. Carsten Burkhardt: Rezension zu Martin Page's neuem Buch

Page, Martin, The gardener's peony: herbaceous and tree peonies, 2005, Timber Press 267p. ISBN 0-88192-694-9

Ziemlich teuer, gute Aufmachung und schöne Bilder, dabei auch sehr viel Text. Im Stil wie sein erstes Buch

(A Gardener's Guide to Growing Peonies), aber stark erweitert und mit vielen neuen Themen.

Leider hat er bei den Wildarten die gleiche Systematik verwendet wie in seinem ersten Buch, was einem 2005 erscheinenden Buch nicht gerade gut zu Gesicht steht und ihm viel Kritik gebracht hat, der ich mich auch anschließe. Ausführlicher in der Online-version.



In der Klassifikation der Wildarten geht er recht eigentümliche neue Wege, indem er bei den Stauden einerseits

an der längst überholten Einteilung durch Stern in Subsektion Foliolatae bzw. Dissectifoliae festhält, andererseits

aber versucht, neuere Erkenntnisse einzuarbeiten, die nicht so recht in das alte Schema passen. Viele seiner

Statements sind schlichtweg falsch bzw. er wischt neue Erkenntnisse ohne Begründung einfach weg. So ordnet er

Paeonia decomposita zur Subsektion Vaginatae und ist damit der erste, der das tut, obwohl gerade die Existenz

dieser Art die Einteilung der strauchigen Wildarten in Subsektionen obsolet werden ließ. Er mißachtet Hong's Arbeit

über Paeonia delavayi, ohne die dort angeführten Gründe für die Abschaffung der Namen Potaninii & Lutea in

irgendeiner Weise zu würdigen oder zu widerlegen, übernimmt aber die Einständigkeit von Paeonia ludlowii. Bei der

Einteilung von Paeonia officinalis hält er an den überholten Namen subsp. humilis (Retzius) Cullen & Heywood und

subsp. villosa (Huth) Cullen & Heywood fest, obwohl Cullen & Heywood selbst ihren Fehler eigesehen haben und

in neueren Publikationen (Flora Europea 1995) den rechtmäßigen Namen Paeonia officinalis subsp. microcarpa

(Boissier & Reuter) Nyman verwendeten. Von Paeonia officinalis subsp. huthii Soldano hat Martin Page scheinbar

noch nie etwas gehört. Auch wird er nicht müde, Paeonia bakeri und Paeonia mollis als Wildarten zu behandeln,

es bleibt nur zu hoffen, daß er der Letzte ist, der das tut. Paeonia sinjiangesnis, Paeonia japonica, Paeonia turcica

werden weiter als eigenständige Arten geführt, Paeonia 'Smouthii' wird weiter als als Wildart behandelt, obwohl es

eine (nicht aus der Natur stammende) Hybride ist. Auch mißdeutet er die Arbeit Hong's zu Paeonia anomala, indem

er unterstellt, Hong hätte Paeonia veitchii zum Synonym von Paeonia anomala gemacht, und die Mehrblütigkeit

rechtfertige ja wohl eine Behandlung Veitchiis als eigenständige Art. Dabei hat Hong eben gerade das nicht gemacht,

sondern von P. anomala zwei geographische Unterarten dargestellt, nämlich subsp. anomala mit einer und subsp.

veitchii mit mehreren Blüten pro Stiel und diese von der völlig anders gestalteten Paeonia intermedia separiert. Genauso

unverstanden erscheint mir Page's Abhandlung der kaukasischen Päonien, wo er Paeonia wittmanniana aus dem großen

Kaukasus mit Paeonia tomentosa aus dem Talysch und dem Elburz-gebirge im Iran gleichsetzt. Wenn man so mit der

Nomenklatur umgeht, braucht man sich nicht wundern, wenn hinterher mehr Fragen offen bleiben als beantwortet

werden. Übrigens, in der Synonymie fällt noch auf, daß er Paeonia oreogeton mit Paeonia wittmanniana gleichsetzt,

und Paeonia majko bei ihm noch eine Hybride zwischen Tenuifolia und Caucasica ist, und nicht identisch mit Paeonia

intermedia. Aber nach all dem verwundert das nicht mehr.

Ein weiteres Manko seiner Darstellung der Wildarten ist, daß er Tao Sang's Arbeiten zur Evolution völlig sinnentstellt

widergibt. So ist Paeonia sterniana eben nicht ein Hybrid zwischen P. emodi und P. mairei, wie er schreibt, sondern im

Laufe eines evolutionären Prozesses aus beiden genannten Eltern als Vorläufern entstanden. Und die paar 100.000 Jahre

Evolution machen eben den Unterschied. Würde man ihm glauben, könnte jeder in seinem Garten aus beiden Arten mal

schnell eine „Sterniana basteln“.



Einen besonderen Bock schießt er aber, als er behauptet, daß die moderne Paeonien-Züchtung begann, nachdem

französische Züchter Pflanzen aus Großbritannien erhalten hatten. („Modern peony breeding seems to have started

when French breeders acquired plants from Great Britain.“) Wie gut, daß wir Rivière's Buch lesen durften, wo das

etwas realitätsnaher dargestellt ist.

Alles in allem ist es doch ein ganz amüsantes Buch geworden, auch wenn man sich gewünscht hätte,

er hätte die Wildarten besser gar nicht abgehandelt.